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Dornröschen
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| Vorzeiten
war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: "Ach, wenn wir
doch ein Kind hätten!", und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die
Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch
und zu ihr sprach: "Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht,
wirst du eine Tochter zur Welt bringen." Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er ladete nicht bloß seine Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: "Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen." Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verließ den Saal. Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie: "Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt." Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, liebhaben mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren und das Mädchen ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Türe auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. "Guten Tag, du altes Mütterchen", sprach die Königstochter, "was machst du da?" "Ich spinne", sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. "Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?" sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger. In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und die Königin, die eben heimgekommen waren und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herd flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr. Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen, langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängengeblieben und eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: "Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen." Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte. Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld; die Fliegen an den Wänden krochen weiter; das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln; und der Koch gab dem jungen eine Ohrfeige, daß er schrie; und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende. |
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Rotkäppchen
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| Es war
einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur
ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht, was sie
alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von
rotem Sammet, und weil ihm das so wohl stand und es nichts anders mehr
tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen. Eines Tages sprach seine
Mutter zu ihm: "Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine
Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach
und wird sich daran laben. Mach dich auf, bevor es heiß wird, und wenn du
hinauskommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst
fällst du und zerbrichst das Glas, und die Großmutter hat nichts. Und wenn
du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht, guten Morgen zu sagen, und guck
nicht erst in alle Ecken herum." "Ich will schon alles gut machen", sagte Rotkäppchen zur Mutter und gab ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rotkäppchen aber wußte nicht, was das für ein böses Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm. "Guten Tag, Rotkäppchen", sprach er. "Schönen Dank, Wolf." "Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?" "Zur Großmutter." "Was trägst du unter der Schürze?" "Kuchen und Wein: gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke und schwache Großmutter etwas zugut tun und sich damit stärken." "Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?" "Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen", sagte Rotkäppchen. Der Wolf dachte bei sich: "Das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte: du mußt es listig anfangen, damit du beide erschnappst." Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach er: "Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen, warum guckst du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? Du gehst ja für dich hin, als wenn du zur Schule gingst, und ist so lustig heraußen in dem Wald." Rotkäppchen schlug die Augen aut, und als es sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten und alles voll schöner Blumen stand, dachte es: "Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme", lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es, weiter hinaus stände eine schönere, und lief darnach, und geriet immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradeswegs nach dem Haus der Großmutter und klopfte an die Türe. "Wer ist draußen?" "Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf." "Drück nur auf die Klinke", rief die Großmutter, "ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen. " Der Wolf drückte auf die Klinke, die Türe sprang auf, und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann tat er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor. Rotkäppchen aber war nach den Blumen herumgelaufen, und als es so viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, daß die Türe aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, daß es dachte: "Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir's heute zumut, und bin sonst so gerne bei der Großmutter!" Es rief "Guten Morgen", bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. "Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!" "Daß ich dich besser hören kann." "Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!" "Daß ich dich besser sehen kann." "Ei, Großmutter, was hast du für große Hände" "Daß ich dich besser packen kann." "Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!" "Daß ich dich besser fressen kann." Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen. Wie der Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging eben an dem Haus vorbei und dachte: "Wie die alte Frau schnarcht, du mußt doch sehen, ob ihr etwas fehlt. " Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bette kam, so sah er, daß der Wolf darin lag. "Finde ich dich hier, du alter Sünder", sagte er, "ich habe dich lange gesucht. " Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben und sie wäre noch zu retten: schoß nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief: "Ach, wie war ich erschrocken, wie war's so dunkel in dem Wolf seinem Leib!" Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich totfiel. Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rotkäppchen aber dachte: "Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dir's die Mutter verboten hat." Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging gerade fort seines Wegs und sagte der Großmutter, daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: "Wenn's nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen." "Komm", sagte die Großmutter, "wir wollen die Türe verschließen, daß er nicht herein kann." Bald darnach klopfte der Wolf an und rief: "Mach auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes." Sie schwiegen aber still und machten die Türe nicht auf: da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis Rotkäppchen abends nach Haus ginge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollt's in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind: "Nimm den Eimer, Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog." Rotkäppchen trug so lange, bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte und anfing zu rutschen: so ruschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein, und ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus, und tat ihm niemand etwas zuleid. |
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Die Bremer
Stadtmusikanten
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| Es war
einmal ein Mann, der hatte einen Esel, welcher schon lange Jahre
unverdrossen die Säcke in die Mühle getragen hatte. Nun aber gingen die
Kräfte des Esels zu Ende, so daß er zur Arbeit nicht mehr taugte. Da
dachte der Herr daran, ihn wegzugeben. Aber der Esel merkte, daß sein Herr
etwas Böses im Sinn hatte, lief fort und machte sich auf den Weg nach
Bremen. Dort, so meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden. Als er schon eine Weile gegangen war, fand er einen Jagdhund am Wege liegen, der jämmerlich heulte. "Warum heulst du denn so, Pack an?" fragte der Esel. "Ach", sagte der Hund, "weil ich alt bin, jeden Tag schwächer werde und auch nicht mehr auf die Jagd kann, wollte mich mein Herr totschießen. Da hab ich Reißaus genommen. Aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?" "Weißt du, was", sprach der Esel, "ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant. Komm mit mir und laß dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken." Der Hund war einverstanden, und sie gingen mitsammen weiter. Es dauerte nicht lange, da sahen sie eine Katze am Wege sitzen, die machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. "Was ist denn dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?" fragte der Esel. "Wer kann da lustig sein, wenn's einem an den Kragen geht", antwortete die Katze. "Weil ich nun alt bin, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen herumjage, hat mich meine Frau ersäufen wollen. Ich konnte mich zwar noch davonschleichen, aber nun ist guter Rat teuer. Wo soll ich jetzt hin?" "Geh mit uns nach Bremen! Du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du Stadtmusikant werden." Die Katze hielt das für gut und ging mit. Als die drei so miteinander gingen, kamen sie an einem Hof vorbei. Da saß der Haushahn auf dem Tor und schrie aus Leibeskräften. "Du schreist einem durch Mark und Bein", sprach der Esel, "was hast du vor?" "Die Hausfrau hat der Köchin befohlen, mir heute abend den Kopf abzusschlagen. Morgen, am Sonntag, haben sie Gäste, da wollen sie mich in der Suppe essen. Nun schrei ich aus vollem Hals, solang ich noch kann." "Ei was" sagte der Esel, "zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme, und wenn wir mitsammen musizieren, wird es gar herrlich klingen." Dem Hahn gefiel der Vorschlag, und sie gingen alle vier mitsammen fort. Sie konnten aber die Stadt Bremen an einem Tag nicht erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze kletterte auf einen Ast, und der Hahn flog bis in den Wipfel, wo es am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Windrichtungen um. Da bemerkte er einen Lichtschein. Er sagte seinen Gefährten, daß in der Nähe ein Haus sein müsse, denn er sehe ein Licht. Der Esel antwortete: "So wollen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht." Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas Fleisch daran täten ihm auch gut. Also machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war. Bald sahen sie es heller schimmern, und es wurde immer größer, bis sie vor ein hellerleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel, als der größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein. "Was siehst du, Grauschimmel?" fragte der Hahn. "Was ich sehe?" antwortete der Esel. "Einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen rundherum und lassen sich's gutgehen!" "Das wäre etwas für uns", sprach der Hahn. Da überlegten die Tiere, wie sie es anfangen könnten, die Räuber hinauszujagen. Endlich fanden sie ein Mittel. Der Esel stellte sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster, der Hund sprang auf des Esels Rücken, die Katze kletterte auf den Hund, und zuletzt flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Als das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen an, ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte. Darauf stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, daß die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe. Sie meinten, ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, und jeder aß nach Herzenslust von den Speisen, die ihm am besten schmeckten. Als sie fertig waren, löschten sie das Licht aus, und jeder suchte sich eine Schlafstätte nach seinem Geschmack. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd bei der warmen Asche, und der Hahn flog auf das Dach hinauf. Und weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie bald ein. Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, daß kein Licht mehr im Haus brannte und alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: "Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen." Er schickte einen Räuber zurück, um nachzusehen, ob noch jemand im Hause wäre. Der Räuber fand alles still. Er ging in die Küche und wollte ein Licht anzünden. Da sah er die feurigen Augen der Katze und meinte, es wären glühende Kohlen. Er hielt ein Schwefelhölzchen daran, daß es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht und kratzte ihn aus Leibeskräften. Da erschrak er gewaltig und wollte zur Hintertür hinauslaufen. Aber der Hund, der da lag, sprang auf und biß ihn ins Bein. Als der Räuber über den Hof am Misthaufen vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß. Der Hahn aber, der von dem Lärm aus dem Schlaf geweckt worden war, rief vom Dache herunter: "Kikeriki!" Da lief der Räuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und sprach: "Ach, in dem Haus sitzt eine greuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mir mit ihren langen Fingern das Gesicht zerkratzt. An der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen. Auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einem Holzprügel auf mich losgeschlagen. Und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief: 'Bringt mir den Schelm her!' Da machte ich, daß ich fort kam." Von nun an getrauten sich die Räuber nicht mehr in das Haus. Den vier Bremer Stadtmusikanten aber gefiel's darin so gut, daß sie nicht wieder hinaus wollten. |
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Aschenputtel
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Einem reichen Manne,
dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, daß ihr Ende herankam,
rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach: "Liebes
Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und
ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich sein." Darauf
tat sie die Augen zu und verschied. Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zu
dem Grabe der Mutter und weinte und blieb fromm und gut. Als der Winter
kam, deckte der Schnee ein weißes Tüchlein auf das Grab, und als die Sonne
im Frühjahr es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere
Frau.
die guten ins Töpfchen,
die schlechten ins Kröpfchen." Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder. Und,die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick, und da fingen die übrigen auch an pick, pick, pick, pick und lasen alle guten Körnlein in die Schüssel. Kaum war eine Stunde herum, so waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus. Da brachte das Mädchen die Schüssel der Stiefmutter, freute sich und glaubte, es dürfte nun mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach: "Nein, Aschenputtel, du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen: du wirst nur ausgelacht." Als es nun weinte, sprach sie: "Wenn du mir zwei Schüsseln voll Linsen in einer Stunde aus der Asche rein lesen kannst, so sollst du mitgehen", und dachte: "Das kann es ja nimmermehr." Als sie die zwei Schüsseln Linsen in die Asche geschüttet hatte, ging das Mädchen durch die Hintertüre nach dem Garten und rief: "Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen,
die guten ins Töpfchen,
die schlechten ins Kröpfchen." Da kamen zum
Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein und danach die Turteltäubchen,
und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein
und ließen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit ihren
Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick, und da fingen die übrigen
auch an pick, pick, pick, pick und lasen alle guten Körner in die
Schüsseln. Und eh eine halbe Stunde herum war, waren sie schon fertig und
flogen alle wieder hinaus. Da trug das Mädchen die Schüsseln zu der
Stiefmutter, freute sich und glaubte, nun dürfte cs mit auf die Hochzeit
gehen. Aber sie sprach: "Es hilft dir alles nichts: du kommst nicht mit,
denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen; wir müßten uns deiner
schämen." Darauf kehrte sie ihm den Rücken zu und eilte mit ihren zwei
stolzen Töchtern fort.
"Bäumchen, rüttel dich und schüttel
dich,
wirf Gold und Silber über mich." Da warf ihm der Vogel
ein golden und silbern Kleid herunter und mit Seide und Silber
ausgestickte Pantoffeln. In aller Eile zog es das Kleid an und ging zur
Hochzeit. Seine Schwestern aber und die Stiefmutter kannten es nicht und
meinten, es müßte eine fremde Königstochter sein, so schön sah es in dem
goldenen Kleide aus. An Aschenputtel dachten sie gar nicht und dachten, es
säße daheim im Schmutz und suchte die Linsen aus der Asche. Der Königssohn
kam ihm entgegen, nahm es bei der Hand und tanzte mit ihm. Er wollte auch
mit sonst niemand tanzen, also daß er ihm die Hand nicht losließ, und wenn
ein anderer kam, es aufzufordern, sprach er: "Das ist meine Tänzerin."
"Bäumchen, rüttel dich und schüttel
dich,
wirf Gold und Silber über mich." Da warf der Vogel ein
noch viel stolzeres Kleid herab als am vorigen Tag. Und als es mit diesem
Kleide auf der Hochzeit erschien, erstaunte jedermann über seine
Schönheit. Der Königssohn aber hatte gewartet, bis es kam, nahm es gleich
bei der Hand und tanzte nur allein mit ihm. Wenn die andern kamen und es
aufforderten, sprach er: "Das ist meine Tänzerin." Als es nun Abend war,
wollte es fort, und der Königssohn ging ihm nach und wollte sehen, in
welches Haus es ging: aber es sprang ihm fort und in den Garten hinter dem
Haus. Darin stand ein schöner großer Baum, an dem die herrlichsten Birnen
hingen, es kletterte so behend wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste, und
der Königssohn wußte nicht, wo es hingekommen war. Er wartete aber, bis
der Vater kam, und sprach zu ihm : "Das fremde Mädchen ist mir entwischt,
und ich glaube, es ist auf den Birnbaum gesprungen." Der Vater dachte:
"Sollte es Aschenputtel sein", ließ sich die Axt holen und hieb den Baum
um, aber es war niemand darauf. Und als sie in die Küche kamen, lag
Aschenputtel da in der Asche, wie sonst auch, denn es war auf der andern
Seite vom Baum herabgesprungen, hatte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die
schönen Kleider wieder gebracht und sein graues Kittelchen angezogen.
"Bäumchen, rüttel dich und schüttel
dich,
wirf Gold und Silber über mich." Nun warf ihm der Vogel
ein Kleid herab, das war so prächtig und glänzend, wie es noch keins
gehabt hatte, und die Pantoffeln waren ganz golden. Als es in dem Kleid zu
der Hochzeit kam, wußten sie alle nicht, was sie vor Verwunderung sagen
sollten. Der Königssohn tanzte ganz allein mit ihm, und wenn es einer
aufforderte, sprach er: "Das ist meine Tänzerin."
"Rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuck (Schuh): der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim." Da blickte er auf ihren Fuß und sah, wie das Blut herausquoll. Er wendete sein Pferd um, brachte die falsche Braut wieder nach Haus und sagte, das wäre nicht die rechte, die andere Schwester sollte den Schuh anziehen. Da ging diese in die Kammer und kam mit den Zehen glücklich in den Schuh, aber die Ferse war zu groß. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach: "Hau ein Stüek von der Ferse ab: wann du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen." Das Mädchen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, saßen die zwei Täubchen darauf und riefen :
"Rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuck: der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim. Er blickte nieder auf ihren Fuß und sah, wie das Blut aus dem Schuh quoll und an den weißen Strümpfen ganz rot heraufgestiegen war. Da wendete er sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Haus. "Das ist auch nicht die rechte", sprach er, "habt Ihr keine andere Tochter?" "Nein", sagte der Mann, "nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da: das kann unmöglich die Braut sein." Der Königssohn sprach, er sollte es heraufschicken, die Mutter aber antwortete: "Ach nein, das ist viel zu schmutzig, das darf sich nicht sehen lassen." Er wollte es aber durchaus haben, und Aschenputtel mußte gerufen werden. Da wusch es sich erst Hände und Angesicht rein, ging dann hin und neigte sich vor dem Königssohn, der ihm den goldenen Schuh reichte. Dann setzte es sich auf einen Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel, der war wie angegossen. Und als es sich in die Höhe richtete und der König ihm ins Gesicht sah, so erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte, und rief: "Das ist die rechte Braut!" Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Ärger: er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihm fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, riefen die zwei weißen Täubchen :
"Rucke di guck, rucke di guck,
kein Blut im Schuck: der Schuck ist nicht zu klein, die rechte Braut, die führt er heim." Und als sie das gerufen
hatten, kamen sie beide herabgeflogen und setzten sich dem Aschenputtel
auf die Schultern, eine rechts, die andere links, und blieben da sitzen.
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Das tapfere
Schneiderlein
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| An einem
Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter
Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab
und rief: "Gut Mus feil! Gut Mus feil!" Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief: "Hierherauf, liebe Frau, hier wird Sie Ihre Ware los." Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf und mußte die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich: "Das Mus scheint mir gut, wieg Sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn's auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an." Die Frau, welche gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm, was er verlangte, ging aber ganz ärgerlich und brummig fort. "Nun, das Mus soll mir Gott gesegnen" rief das Schneiderlein, "und soll mir Kraft und Stärke geben" holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus darüber. "Das wird nicht bitter schmecken" sprach er, "aber erst will ich den Wams fertigmachen, eh ich anbeiße." Er legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche. Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, so daß sie herangelockt wurden und sich scharenweis darauf niederließen. "Ei, wer hat euch eingeladen?" sprach das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte aus seiner Hölle nach einem Tuchlappen, und "Wart, ich will es euch geben!" schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. "Bist du so ein Kerl?" sprach er und mußte selbst seine Tapferkeit bewundern. "Das soll die ganze Stadt erfahren." Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf "Siebene auf einen Streich!" "Ei was, Stadt!" sprach er weiter, "die ganze Welt soll's erfahren!" Und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen. Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte in die Welt hinaus, weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein für seine Tapferkeit. Eh er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da wäre, was er mitnehmen könnte. Er fand aber nichts als einen alten Käs, den steckte er ein. Vor dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich im Gesträuch gefangen hatte, der mußte zu dem Käse in die Tasche. Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und behend war, fühlte er keine Müdigkeit. Der Weg führte ihn auf einen Berg, und als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, so saß da ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemächlich um. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: "Guten Tag, Kamerad, gelt, du sitzest da und besiehst dir die weitläufige Welt? Ich bin eben auf dem Weg dahin und will mich versuchen. Hast du Lust, mitzugehen?" Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sprach: "Du Lump! Du miserabler Kerl!" "Das wäre!" antwortete das Schneiderlein, knöpfte den Rock auf und zeigte dem Riesen den Gürtel. "Da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin." Der Riese las "Siebene auf einen Streich", meinte, das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn zusammen, daß das Wasser heraustropfte. "Das mach mir nach" sprach der Riese, "wenn du Stärke hast." "Ist's weiter nichts?" sagte das Schneiderlein. "Das ist bei unsereinem Spielwerk", griff in die Tasche, holte den weichen Käs und drückte ihn, daß der Saft herauslief. "Gelt" sprach er, "das war ein wenig besser?" Der Riese wußte nicht, was er sagen sollte, und konnte es von dem Männlein nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf und warf ihn so hoch, daß man ihn mit Augen kaum noch sehen konnte. "Nun, du Erpelmännchen, das tu mir nach." "Gut geworfen" sagte der Schneider, "aber der Stein hat doch wieder zur Erde herabfallen müssen. Ich will dir einen werfen, der soll gar nicht wiederkommen", griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, stieg auf, flog fort und kam nicht wieder. "Wie gefällt dir das Stückchen, Kamerad?" fragte der Schneider. "Werfen kannst du wohl" sagte der Riese, "aber nun wollen wir sehen, ob du imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen." Er führte das Schneiderlein zu einem mächtigen Eichbaum, der da gefällt auf dem Boden lag, und sagte. "Wenn du stark genug bist, so hilf mir den Baum aus dem Wald heraustragen." "Gerne" antwortete der kleine Mann, "nimm du nur den Stamm auf deine Schulter, ich will die Äste mit dem Gezweig aufheben und tragen, das ist doch das schwerste." Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schneider aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte, mußte den ganzen Baum und das Schneiderlein noch obendrein forttragen. Es war dahinten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Liedchen "Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus", als wäre das Baumtragen ein Kinderspiel. Der Riese, nachdem er ein Stück Wegs die schwere Last fortgeschleppt hatte, konnte nicht weiter und rief: "Hör, ich muß den Baum fallen lassen." Der Schneider sprang behendiglich herab, faßte den Baum mit beiden Armen, als wenn er ihn getragen hätte, und sprach zum Riesen: "Du bist ein so großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen." Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum vorbeikamen, faßte der Riese die Krone des Baumes, wo die zeitigsten Früchte hingen, bog sie herab, gab sie dem Schneider in die Hand und hieß ihn essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den Baum zu halten, und als der Riese losließ, fuhr der Baum in die Höhe, und der Schneider ward mit in die Luft geschnellt. Als er wieder ohne Schaden herabgefallen war, sprach der Riese: "Was ist das, hast du nicht die Kraft, die schwache Gerte zu halten?" "An der Kraft fehlt es nicht", antwortete das Schneiderlein,"meinst du, das wäre etwas für einen, der siebene mit einem Streich getroffen hat? Ich bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da unten in das Gebüsch schießen. Spring nach, wenn du's vermagst." Der Riese machte den Versuch, konnte aber nicht über den Baum kommen, sondern blieb in den Ästen hängen, also daß das Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt. Der Riese sprach: "Wenn du ein so tapferer Kerl bist, so komm mit in unsere Höhle und übernachte bei uns." Das Schneiderlein war bereit und folgte ihm. Als sie in der Höhle anlangten, saßen da noch andere Riesen beim Feuer, und jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um und dachte, es ist doch hier viel weitläufiger als in meiner Werkstatt. Der Riese wies ihm ein Bett an und sagte, er solle sich hineinlegen und ausschlafen. Dem Schneiderlein war aber das Bett zu groß, es legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke. Als es Mitternacht war und der Riese meinte, das Schneiderlein läge in tiefem Schlafe, so stand er auf, nahm eine große Eisenstange, schlug das Bett mit einem Schlag durch und meinte, er hätte dem Grashüpfer den Garaus gemacht. Mit dem frühsten Morgen gingen die Riesen in den Wald und hatten das Schneiderlein ganz vergessen, da kam es auf einmal ganz lustig und verwegen dahergeschritten. Die Riesen erschraken, fürchteten, es schlüge sie alle tot, und liefen in einer Hast fort. Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem es lange gewandert war, kam es in den Hof eines königlichen Palastes, und da es Müdigkeit empfand, so legte es sich ins Gras und schlief ein. Während es da lag, kamen die Leute, betrachteten es von allen Seiten und lasen auf dem Gürtel "Siebene auf einen Streich." "Ach" sprachen sie, "was will der große Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muß ein mächtiger Herr sein." Sie gingen und meldeten es dem König und meinten, wenn Krieg ausbrechen sollte, wäre das ein wichtiger und nützlicher Mann, den man um keinen Preis fortlassen dürfte. Dem König gefiel der Rat, und er schickte einen von seinen Hofleuten an das Schneiderlein ab, der sollte ihm, wenn es aufgewacht wäre, Kriegsdienste anbieten. Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer stehen, wartete, bis er seine Glieder streckte und die Augen aufschlug, und brachte dann seinen Antrag vor. "Eben deshalb bin ich hierhergekommen" antwortete das Schneiderlein, "ich bin bereit, in des Königs Dienste zu treten." Also ward er ehrenvoll empfangen und ihm eine besondere Wohnung angewiesen. Die Kriegsleute aber waren dem Schneiderlein aufgesessen und wünschten, es wäre tausend Meilen weit weg. "Was soll daraus werden" sprachen sie untereinander, "wenn wir Zank mit ihm kriegen und er haut zu, so fallen auf jeden Streich siebene. Da kann unsereiner nicht bestehen." Also faßten sie einen Entschluß, begaben sich allesamt zum König und baten um ihren Abschied. "Wir sind nicht gemacht" sprachen sie, "neben einem Mann auszuhalten, der siebene auf einen Streich schlägt." Der König war traurig, daß er um des einen willen alle seine treuen Diener verlieren sollte, wünschte, daß seine Augen ihn nie gesehen hätten, und wäre ihn gerne wieder los gewesen. Aber er getraute sich nicht, ihm den Abschied zu geben, weil er fürchtete, er möchte ihn samt seinem Volke totschlagen und sich auf den königlichen Thron setzen. Er sann lange hin und her, endlich fand er einen Rat. Er schickte zu dem Schneiderlein und ließ ihm sagen, weil er ein so großer Kriegsheld wäre, so wollte er ihm ein Anerbieten machen. In einem Walde seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen großen Schaden stifteten, niemand dürfte sich ihnen nahen, ohne sich in Lebensgefahr zu setzen. Wenn er diese beiden Riesen überwände und tötete, so wollte er ihm seine einzige Tochter zur Gemahlin geben und das halbe Königreich zur Ehesteuer; auch sollten hundert Reiter mitziehen und ihm Beistand leisten. Das wäre so etwas für einen Mann, wie du bist, dachte das Schneiderlein, eine schöne Königstochter und ein halbes Königreich wird einem nicht alle Tage angeboten. "O ja" gab er zur Antwort, "die Riesen will ich schon bändigen und habe die hundert Reiter dabei nicht nötig; wer siebene auf einen Streich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu fürchten." Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als es zu dem Rand des Waldes kam, sprach es zu seinen Begleitern: "Bleibt hier nur halten, ich will schon allein mit den Riesen fertig werden." Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links um. Über ein Weilchen erblickte er beide Riesen: Sie lagen unter einem Baume und schliefen und schnarchten dabei, daß sich die Äste auf und nieder bogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der Mitte war, rutschte es auf einen Ast, bis es gerade über die Schläfer zu sitzen kam, und ließ dem einen Riesen einen Stein nach dem andern auf die Brust fallen. Der Riese spürte lange nichts, doch endlich wachte er auf, stieß seinen Gesellen an und sprach: "Was schlägst du mich?" "Du träumst" sagte der andere, "ich schlage dich nicht." Sie legten sich wieder zum Schlaf, da warf der Schneider auf den zweiten einen Stein herab. "Was soll das?" rief der andere. "Warum wirfst du mich?" "Ich werfe dich nicht" antwortete der erste und brummte. Sie zankten sich eine Weile herum, doch weil sie müde waren, ließen sie's gut sein, und die Augen fielen ihnen wieder zu. Das Schneiderlein fing sein Spiel von neuem an, suchte den dicksten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit aller Gewalt auf die Brust. "Das ist zu arg!" schrie er, sprang wie ein Unsinniger auf und stieß seinen Gesellen wider den Baum, daß dieser zitterte. Der andere zahlte mit gleicher Münze, und sie gerieten in solche Wut, daß sie Bäume ausrissen, aufeinander losschlugen, so lange, bis sie endlich beide zugleich tot auf die Erde fielen. Nun sprang das Schneiderlein herab. "Ein Glück nur" sprach es, "daß sie den Baum, auf dem ich saß, nicht ausgerissen haben, sonst hätte ich wie ein Eichhörnchen auf einen andern springen müssen: Doch unsereiner ist flüchtig!" Es zog sein Schwert und versetzte jedem ein paar tüchtige Hiebe in die Brust, dann ging es hinaus zu den Reitern und sprach: "Die Arbeit ist getan, ich habe beiden den Garaus gemacht; aber hart ist es hergegangen, sie haben in der Not Bäume ausgerissen und sich gewehrt, doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der siebene auf einen Streich schlägt." "Seid Ihr denn nicht verwundet?" fragten die Reiter. "Das hat gute Wege" antwortete der Schneider, "kein Haar haben sie mir gekrümmt." Die Reiter wollten ihm keinen Glauben beimessen und ritten in den Wald hinein: Da fanden sie die Riesen in ihrem Blute schwimmen, und ringsherum lagen die ausgerissenen Bäume. Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung, den aber reute sein Versprechen, und er sann aufs neue, wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte. "Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst" sprach er zu ihm, "mußt du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet. Das mußt du erst einfangen." "Vor einem Einhorne fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Streich, das ist meine Sache." Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging hinaus in den Wald und hieß abermals die, welche ihm zugeordnet waren, außen warten. Er brauchte nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald daher und sprang geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne Umstände aufspießen. "Sachte, sachte" sprach er, "so geschwind geht das nicht", blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang er behendiglich hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum und spießte sein Horn so fest in den Stamm, daß es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszuziehen, und so war es gefangen. "Jetzt hab ich das Vöglein" sagte der Schneider, kam hinter dem Baum hervor, legte dem Einhorn den Strick erst um den Hals, dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baum, und als alles in Ordnung war, führte er das Tier ab und brachte es dem König. Der König wollte ihm den verheißenen Lohn noch nicht gewähren und machte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das in dem Wald großen Schaden tat; die Jäger sollten ihm Beistand leisten. "Gerne" sprach der Schneider, "das ist ein Kinderspiel." Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald, und sie waren's wohl zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon mehrmals so empfangen, daß sie keine Lust hatten, ihm nachzustellen. Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Munde und wetzenden Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde werfen. Der flüchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und gleich oben zum Fenster in einem Satze wieder hinaus. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen, er aber hüpfte außen herum und schlug die Tür hinter ihm zu; da war das wütende Tier gefangen, das viel zu schwer und unbehilflich war, um zu dem Fenster hinauszuspringen. Das Schneiderlein rief die Jäger herbei, die mußten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen. Der Held aber begab sich zum Könige, der nun, er mochte wollen oder nicht, sein Versprechen halten mußte und ihm seine Tochter und das halbe Königreich übergab. Hätte er gewußt, daß kein Kriegsheld, sondern ein Schneiderlein vor ihm stand, es wäre ihm noch mehr zu Herzen gegangen. Die Hochzeit ward also mit großer Pracht und kleiner Freude gehalten und aus einem Schneider ein König gemacht. Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht, wie ihr Gemahl im Traume sprach: "Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen." Da merkte sie, in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am anderen Morgen ihrem Vater ihr Leid und bat, er möchte ihr von dem Manne helfen, der nichts anderes als ein Schneider wäre. Der König sprach ihr Trost zu und sagte: "Laß in der nächsten Nacht deine Schlafkammer offen, meine Diener sollen außen stehen und, wenn er eingeschlafen ist, hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt führt." Die Frau war damit zufrieden, des Königs Waffenträger aber, der alles mit angehört hatte, war dem jungen Herrn gewogen und hinterbrachte ihm den ganzen Anschlag. "Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben" sagte das Schneiderlein. Abends legte es sich zu gewöhnlicher Zeit mit seiner Frau zu Bett. Als sie glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf, öffnete die Tür und legte sich wieder. Das Schneiderlein, das sich nur stellte, als wenn es schliefe, fing an mit heller Stimme zu rufen: "Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen! Ich habe siebene mit einem Streich getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen und sollte mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer stehen!" Als diese den Schneider also sprechen hörten, überkam sie eine große Furcht, sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen wäre, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schneiderlein sein Lebtag ein König. |
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Schneewittchen
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Es war einmal mitten im
Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß
eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz
hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte,
stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen
Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah,
dachte sie bei sich: Hätt' ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie
Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen! Bald darauf bekam sie ein
Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so
schwarzhaarig wie Ebenholz und ward darum Schneewittchen genannt. Und wie
das Kind geboren war, starb die Königin.
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?" so antwortete der Spiegel:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste im
Land."
Da war sie zufrieden, denn sie wußte, daß der Spiegel die Wahrheit sagte. Schneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner, und als es sieben Jahre alt war, war es so schön, wie der klare Tag und schöner als die Königin selbst. Als diese einmal ihren Spiegel fragte:
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?" so antwortete er:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste
hier,
aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr." Da erschrak die Königin
und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Schneewittchen
erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so haßte sie das
Mädchen. Und der Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen
immer höher, daß sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie
einen Jäger und sprach: "Bring das Kind hinaus in den Wald, ich will's
nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten und mir Lunge und
Leber zum Wahrzeichen mitbringen."
"Spieglein, Spieglein, an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?" Da antwortete der Spiegel:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste
hier,
aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr." Da erschrak sie, denn
sie wußte, daß der Spiegel keine Unwahrheit sprach, und merkte, daß der
Jäger sie betrogen hatte und Schneewittchen noch am Leben war. Und da sann
und sann sie aufs neue, wie sie es umbringen wollte; denn so lange sie
nicht die Schönste war im ganzen Land, ließ ihr der Neid keine Ruhe. Und
als sie sich endlich etwas ausgedacht hatte, färbte sie sich das Gesicht
und kleidete sich wie eine alte Krämerin und war ganz unkenntlich. In
dieser Gestalt ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen,
klopfte an die Türe und rief: "Schöne Ware feil! feil!"
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?" Da antwortete er wie sonst:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste
hier,
aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr." Als sie das hörte, lief
ihr alles Blut zum Herzen, so erschrak sie, denn sie sah wohl, daß
Schneewittchen wieder lebendig geworden war. "Nun aber", sprach sie, "will
ich etwas aussinnen, das dich zugrunde richten soll", und mit
Hexenkünsten, die sie verstand, machte sie einen giftigen Kamm. Dann
verkleidete sie sich und nahm die Gestalt eines anderen alten Weibes an.
So ging sie hin über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an
die Türe und rief: "Gute Ware feil! feil!"
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?" Da antwortete er wie vorher:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste
hier,
aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr." Als sie den Spiegel so
reden hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn. "Schneewittchen soll
sterben", rief sie, "und wenn es mein eigenes Leben kostet!" Darauf ging
sie in eine ganz verborgene, einsame Kammer, wo niemand hinkam, und machte
da einen giftigen, giftigen Apfel. Äußerlich sah er schön aus, weiß mit
roten Backen, daß jeder, der ihn erblickte, Lust danach bekam, aber wer
ein Stückchen davon aß, der mußte sterben. Als der Apfel fertig war,
färbte sie sich das Gesicht und verkleidete sich in eine Bauersfrau, und
so ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an.
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?" so antwortete er endlich:
"Frau Königin, Ihr seid de Schönste im
Land."
Da hatte ihr neidisches
Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann.
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?" Der Spiegel antwortete:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste
hier,
aber die junge Königin ist noch tausendmal schöner als Ihr." Da stieß das böse Weib einen Fluch aus, und ward ihr so angst, so angst, daß sie sich nicht zu lassen wußte. Sie wollte zuerst gar nicht auf die Hochzeit kommen, doch ließ es ihr keine Ruhe, sie mußte fort und die junge Königin sehen. Und wie sie hineintrat, erkannte sie Schneewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffel über Kohlenfeuer gestellt und wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt. Da mußte sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel |
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Hänsel und Gretel
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Vor einem großen Walde
wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das
Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und
zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er das
tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette
Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu
seiner Frau: "Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder
ernähren da wir für uns selbst nichts mehr haben?" "Weißt du was, Mann,
antwortete die Frau, "wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus
in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer
an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere
Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus,
und wir sind sie los." "Nein, Frau", sagte der Mann, "das tue ich nicht;
wie sollt ich's übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu
lassen! Die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen." "Oh, du
Narr", sagte sie, "dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst
nur die Bretter für die Särge hobeln", und ließ ihm keine Ruhe, bis er
einwilligte. "Aber die armen Kinder dauern mich doch", sagte der Mann. Die
zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten
gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere
Tränen und sprach zu Hänsel: "Nun ist's um uns geschehen." "Still,
Gretel", sprach Hänsel, "gräme dich nicht, ich will uns schon helfen." Und
als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an,
machte die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz
hell, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie
lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viele in sein
Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach
zu Gretel: "Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein,
Gott wird uns nicht verlassen", und legte sich wieder in sein Bett.
"Knupper, knupper, Kneischen,
Wer knuppert an meinem Häuschen?" Die Kinder antworteten:
"Der Wind, der Wind,
Das himmlische Kind", und aßen weiter, ohne
sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riß
sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde
Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging
auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke
stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig,
daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber
wackelte mit dem Kopfe und sprach: "Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch
hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch
kein Leid." Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da
ward ein gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Äpfel
und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel
und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.
"Entchen, Entchen,
Da steht Gretel und Hänsel. Kein Steg und keine Brücke, Nimm uns auf deinen weißen Rücken." Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. "Nein", antwortete Gretel, "es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüberbringen." Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen. |
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Rumpelstilzchen
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Es war einmal ein
Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich,
daß er mit dem König zu sprechen kam, und zu ihm sagte "ich habe eine
Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen". Dem König, der das Gold lieb
hatte, gefiel die Kunst gar wohl, und er befahl, die Müllerstochter sollte
alsbald vor ihn gebracht werden. Dann führte er sie in eine Kammer, die
ganz voll Stroh war, gab ihr Rad und Haspel, und sprach "wenn du diese
Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so
mußt du sterben".
"Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind; ach, wie gut ist daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß!" Da war die Königin ganz
froh daß sie den Namen wußte, und als bald hernach das Männlein kam, und
sprach "Nun, Frau Königin, wie heiß ich?", fragte sie erst: "Heißest du
Kunz?" "Nein." "Heißest du Heinz?" "Nein." |
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Rapunzel
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Es war einmal ein Mann
und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich
machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen.
Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte
man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und
Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand
wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte
und von aller Welt gefürchtet ward. Eines Tags stand die Frau an diesem
Fenster und sah in den Garten hinab. Da erblickte sie ein Beet, das mit
den schönsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen so frisch und grün
aus, daß sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den
Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte, daß
sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend
aus. Da erschrak der Mann und fragte: "Was fehlt dir, liebe Frau?" "Ach,"
antwortete sie, "wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm
Hause zu essen kriege so sterbe ich." Der Mann, der sie lieb hatte,
dachte: Eh du deine Frau sterben läsest holst du ihr von den Rapunzeln, es
mag kosten, was es will. In der Abenddämmerung stieg er also über die
Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Handvoll
Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat
daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gut
geschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Sollte
sie Ruhe haben, so mußte der Mann noch einmal in den Garten steigen. Er
machte sich also in der Abenddämmerung wieder hinab. Als er aber die Mauer
herabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor
sich stehen. "Wie kannst du es wagen", sprach sie mit zornigem Blick, "in
meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen?
Das soll dir schlecht bekommen!" "Ach", antwortete er, "laßt Gnade für
Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen. Meine Frau hat
Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt und empfindet ein so großes
Gelüsten, daß sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekommt."
Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: "Verhält es
sich so, wie du sagst so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen,
soviel du willst; allein ich mache eine Bedingung: Du mußt mir das Kind
geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und
ich will für es sorgen wie eine Mutter." Der Mann sagte in der Angst alles
zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab
dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter!" Rapunzel hatte lange,
prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der
Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen
Fensterhaken, und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und
die Zauberin stieg daran hinauf.
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter!" Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. "Ist das die Leiter, auf welcher man hinaufkommt, so will ich auch einmal mein Glück versuchen." Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turme und rief:
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter!" Alsbald fielen die
Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf.
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter!" so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. "Aha", rief sie höhnisch, "du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken!" Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerzen, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab. Das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Wald umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und einem Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie deuchte ihm so bekannt. Da ging er darauf zu und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt. |
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Brüderchen und
Schwesterchen
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Brüderchen nahm sein
Schwesterchen an der Hand und sprach: "Seit die Mutter tot ist, haben wir
keine gute Stunde mehr; die Stiefmutter schlägt uns alle Tage, und wenn
wir zu ihr kommen, stößt sie uns mit den Füßen fort. Die harten
Brotkrusten, die übrigbleiben, sind unsere Speise, und dem Hündlein unter
dem Tisch geht's besser: Dem wirft sie doch manchmal einen guten Bissen
zu. Daß Gott erbarm, wenn das unsere Mutter wüßte! Komm, wir wollen
miteinander in die weite Welt gehen." Sie gingen den ganzen Tag über
Wiesen, Felder und Steine, und wenn es regnete, sprach das Schwesterchen:
"Gott und unsere Herzen, die weinen zusammen!" Abends kamen sie in einen
großen Wald und waren so müde von Jammer, Hunger und dem langen Weg, daß
sie sich in einen hohlen Baum setzten und einschliefen.
"Was macht mein Kind? Was macht mein
Reh?
Nun komm ich noch zweimal und dann nimmermehr." Die Kinderfrau antwortete ihr nicht, aber als sie wieder verschwunden war, ging sie zum König und erzählte ihm alles. Sprach der König: "Ach Gott, was ist das! Ich will in der nächsten Nacht bei dem Kinde wachen." Abends ging er in die Kinderstube, aber um Mitternacht erschien die Königin wieder und sprach:
"Was macht mein Kind? Was macht mein
Reh?
Nun komm ich noch einmal und dann nimmermehr." Und pflegte dann des Kindes, wie sie gewöhnlich tat, ehe sie verschwand. Der König getraute sich nicht, sie anzureden, aber er wachte auch in der folgenden Nacht. Sie sprach abermals:
"Was macht mein Kind? Was macht mein
Reh?
Nun komm ich noch diesmal und dann nimmermehr." Da konnte sich der
König nicht zurückhalten, sprang zu ihr und sprach: "Du kannst niemand
anders sein als meine liebe Frau." |
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Schneeweißchen
und Rosenrot
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Eine arme Witwe, die
lebte einsam in einem Hüttchen, und vor dem Hüttchen war ein Garten, darin
standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote
Rosen; und sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen,
und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot. Sie waren aber so
fromm und gut, so arbeitsam und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der
Welt gewesen sind: Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als
Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte
Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der
Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war.
Die beiden Kinder hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den
Händen faßten, sooft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen
sagte: "Wir wollen uns nicht verlassen", so antwortete Rosenrot: "Solange
wir leben, nicht", und die Mutter setzte hinzu: "Was das eine hat, soll's
mit dem andern teilen." Oft liefen sie im Walde allein umher und sammelten
rote Beeren, aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen
vertraulich herbei: das Häschen fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen, das
Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vorbei, und die
Vögel blieben auf den Ästen sitzen und sangen, was sie nur wußten. Kein
Unfall traf sie - wenn sie sich im Walde verspätet hatten und die Nacht
sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf das Moos und schliefen,
bis der Morgen kam, und die Mutter wußte das und hatte ihrentwegen keine
Sorge. Einmal, als sie im Walde übernachtet hatten und das Morgenrot sie
aufweckte, da sahen sie ein schönes Kind in einem weißen, glänzenden
Kleidchen neben ihrem Lager sitzen. Es stand auf und blickte sie ganz
freundlich an, sprach aber nichts und ging in den Wald hinein. Und als sie
sich umsahen, so hatten sie ganz nahe bei einem Abgrunde geschlafen und
wären gewiß hineingefallen, wenn sie in der Dunkelheit noch ein paar
Schritte weitergegangen wären. Die Mutter aber sagte ihnen, das müßte der
Engel gewesen sein, der gute Kinder bewache.
Schneeweißchen, Rosenrot,
schlägst dir den Freier tot." Als Schlafenszeit war
und die andern zu Bett gingen, sagte die Mutter zu dem Bär: "Du kannst in
Gottes Namen da am Herde liegenbleiben, so bist du vor der Kälte und dem
bösen Wetter geschützt." Sobald der Tag graute, ließen ihn die beiden
Kinder hinaus, und er trabte über den Schnee in den Wald hinein. Von nun
an kam der Bär jeden Abend zu der bestimmten Stunde, legte sich an den
Herd und erlaubte den Kindern, Kurzweil mit ihm zu treiben, soviel sie
wollten; und sie waren so gewöhnt an ihn, daß die Türe nicht eher
zugeriegelt ward, als bis der schwarze Gesell angelangt war. |